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Sterbende begleiten
Esoterische Philosophie ~ Weisheit der Zeitalter
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Sterbende begleiten –
Was kann und was sollte getan werden?

Uta Dahlmann, M. A.

Wer sterbende Menschen begleitet, sieht das Leben mit anderen Augen. Vieles wird bewusster wahrgenommen. Zwischen Hoffen und Bangen, zwischen innerem Frieden und dem Hadern mit dem Schicksal werden viele Gefühlsregungen durchlebt. Die Autorin dieses Artikels möchte vor allem eines: Hilfe geben in schwerer Zeit.

Eine bewegende Aufgabe

Für die Begleitung Sterbender gibt uns Prof. Dr. Gottfried von Purucker entscheidende Hinweise: „Wer am Bett eines geliebten Menschen steht, der dahinscheidet, lasse Frieden im Herzen herrschen, verbanne Aufregung aus dem Gemüt und sorge für äußerste Ruhe im Zimmer des Scheidenden. Er störe nicht durch Sprechen oder Klagen das wundervolle Mysterium, in dem das Bewusstsein des Sterbenden in den jenseitigen Zustand eintritt. Dieser schläft tatsächlich ein, in jedem Sinne des Wortes. Und während es schon eine vorsätzliche Grausamkeit wäre, am Bett eines müden Menschen zu stehen, um ihn zu stören und zu erregen, um ihn wach zu halten, weil man nicht möchte, dass er schläft, so ist es noch tausendmal grausamer, sich im Falle des Todes, des größeren Schlafes, des vollkommenen Schlafes, so zu verhalten. Lasst ihn in Frieden scheiden, lasst ihn still ruhen, lasst ihn frei dahingehen!“(Gottfried von Purucker: Tod – was kommt danach? Hannover, 2009, S. 109).

Wenn wir Sterbende begleiten, ist es für uns wichtig, die tieferen Hintergründe und Ursachen des Sterbens zu verstehen und nicht nur genauen Anweisungen zu folgen. Daher fragt die Esoterische Philosophie zuerst: Warum? Was geschieht, wenn ein Mensch stirbt? Warum soll ich das tun, und warum sollte ich das lassen? Denn erst wenn wir mit unserem Herzen verstehen, können wir mit unserem Herzen helfen und durch unser verstehendes Herz.

Wer einmal in die angsterfüllten Augen einer 35-jährigen Mutter geblickt hat, die fünf Kinder zurücklassen muss, vergisst das nie. Oder die bittenden, flehenden Blicke eines alten Mannes, der um das letzte bisschen Würde kämpft, doch noch selbständig essen zu dürfen, anstatt zeitsparend über eine Ernährungssonde versorgt zu werden. Auf der anderen Seite der Blick eines von Frieden erfüllten Menschen, der weiß, dass seine Zeit gekommen ist, der losgelassen hat und sich im spirituellen Sinn auf seine Reise vorbereitet hat. Tief in Erinnerung bleibt mir auch die Begegnung mit einer krebskranken 21-jährigen Frau, die ihre Angehörigen und ihr Pflegepersonal getröstet hat, weil sie ihr Leid kaum noch ertragen konnten. Sterben ist ein individueller Weg. Wenn wir das Sterben an sich verstehen, können wir Wegbegleiter sein auf einem manchmal schweren, aber auch segensreichen gemeinsamen Weg.

Tod und Sterben in verschiedenen Kulturen

Vergleichen wir einige Kulturen, so finden wir eine weitverbreitete Vorstellung: Etwas überdauert den körperlichen Tod und geht zurück in seine spirituelle Heimat. Das, was den Körper überlebt, so heißt es, macht sich sozusagen auf eine Reise in eine andere Welt. Die Begriffe dafür unterscheiden sich in den verschiedenen Religionen, Philosophien und Kulturen: nefesch (Kabbala), âtman (hinduistische Traditionen), ka (frühes Ägypten), Seele (Christentum, Judentum, Islam) oder dharmas bzw. skandhas (buddhistische Traditionen). In Analogie können wir uns einen Schmetterling vorstellen, der seinen Kokon verlässt: Er streift die schwere Raupenhülle ab und fliegt nun federleicht mit dem Wind von Blüte zu Blüte. Ebenso streift unser Innerstes, unsere Seele ihren materiellen Körper ab und „fliegt“ zurück in ihre spirituelle Heimat. Bis sie ihre Heimat erreicht hat, vergeht eine gewisse Zeit, in der sie sich orientieren oder läutern muss. Die frühen Ägypter, südamerikanische und indianische Kulturen, überliefern zum Beispiel für die Seelen der Verstorbenen eine Reiseroute in das „Reich der Toten“. Hinduistische Traditionen lehren, dass die Seele etwa zehn Tage braucht, um in das Reich der Toten zu gelangen; jüdische Überlieferungen sprechen von sieben Tagen; das frühe Christentum von drei oder neun Tagen und buddhistische Traditionen von bis zu 49 und mehr Tagen. Die dahinter stehende Idee ist folgende: Das Bewusstsein zieht sich langsam aus dem Körper zurück, löst allmählich seine Anziehung zu dieser Welt und kehrt zurück in seine spirituelle Heimat. Daher ist Sterben ein individueller und ein spiritueller Vorgang.

Wir sind zu Gast auf dieser Erde

Die Theosophie spricht in diesem Zusammenhang von dem reinkarnierenden Ego. Dieses Ego kehrt in Leben um Leben zurück in diese Welt – es reinkarniert. In ihm sind alle höheren, spirituellen Impulse des individuellen Menschen gespeichert. In diesem Sinne sind wir zu Gast auf dieser Erde – wir sind Lernende. Wenn der Unterricht in diesem Leben vorbei ist, gehen wir für eine Weile nach Hause, assimilieren das Gelernte und kommen im nächsten Leben gestärkt und ausgeruht erneut zur Schule – vielleicht in eine höhere Klasse. Das bedeutet: Wir sind das reinkarnierende Ego. Daher sind Tod und Schlaf Brüder. Der Tod ist lediglich ein vollkommener Schlaf. Lassen wir daher die Seele in Frieden ziehen, damit sie sich ausruhen kann um neue Kraft zu schöpfen.

Der Augenblick des Todes

 

Diagramm: Zusammengesetztheit des Menschen

 

Unabhängig davon, wie viel körperliches Leiden vorangegangen ist, ist der Augenblick des Todes unaussprechlich friedvoll und schön für jene, die ihr Leben anständig gelebt haben. Die zusammengesetzte Konstitution des Menschen, die sich nun zu trennen beginnt, hat den Punkt erreicht, an dem das sich wiederverkörpernde Ego stark der Anziehung „aufwärts“ oder innenwärts zu dem Frieden der inneren Welten und Sphären folgt. Die goldene Schnur des Lebens, die das Ego mit der niederen Triade verbindet, wird nun abgeschnitten. Diese goldene Schnur ist wie der starke Faden einer Perlenkette. Reißt er, rollt jede Perle ihres Weges. Das reinkarnierende Ego zieht sich zurück, und die ehedem zusammengesetzte Wesenheit „Mensch“ löst sich in ihre vielfältigen Bestandteile. Diese gehen gemäß unserem gelebten Leben nach Hause in die ihnen zugehörigen Welten.

Dieses Auseinanderfallen ist der Moment, in dem vor dem inneren Auge des Sterbenden die Panorama-Schau abläuft. Stellen wir uns eine leuchtende Glühlampe vor, wie wir sie früher überall im Gebrauch hatten. Sie war lange angeschaltet, das heißt, lange ist Elektrizität durch ihren Glühfaden geflossen – ähnlich unserer Lebensenergie (prâna), die unseren Körper im Leben durchpulst. Jetzt ist Folgendes interessant: Schalten wir die Energie ab, so glimmt der Glühfaden noch für einen Moment nach. Das ist der Moment, in dem unser gesamtes Leben wie eine Panorama-Schau abläuft, kurz bevor der Lebens-Faden (sûtrâtman) reißt. Bei einem Menschen kann dieses Ereignis Tage, Stunden, Minuten oder Sekunden dauern. Während dieses Zeitraumes zieht das gelebte Leben in allen Einzelheiten an dem Sterbenden vorüber. Er erkennt die Gerechtigkeit in allem, was war: die karmischen Zusammenhänge, die Chancen und verpassten Gelegenheiten. Und mehr noch: Jede Emotion, jeder Gedanke, jedes Wort wird essenziell gespeichert.

Diese Momente geben dem Sterbenden die Gelegenheit, alles das zu verstehen, was bisher unbegreiflich erschien oder was er in seinem Leben als ungerecht empfunden hat. Bei jedem erneuten Sterben ist dies eine neue Chance, aus dem gelebten Leben zu lernen, zu verstehen und mit diesem neuen Verstehen die nächste Inkarnation zu beginnen. Es ist eine Gelegenheit, die vorbereiten kann, im nächsten Leben manches endlich anders machen zu können.

Hilfe während der Panorama-Schau

Empfehlungen zum Umgang mit dem Tod

Um besser mit dem Tod umgehen und Andere beim Sterben begleiten zu können, ist es wichtig, dass wir lernen,

  • Abschied zu nehmen,
  • unsere Gedanken zur Ruhe zu bringen,
  • uns in Andere hineinzuversetzen,
  • unsere Hilfe von Herzen und mit dem Herzen zu geben,
  • überlegt zu handeln und Aktionismus zu vermeiden,
  • Unsicherheiten einzugestehen und zu fragen: Was brauchst du? Hast du Schmerzen? Was kann ich tun? …
  • Stille auszuhalten und
  • die eigenen Bedürfnisse von denen des Anderen zu unterscheiden.

Während dieses Zeitraumes ist es unsere heilige Pflicht, unser Möglichstes zu tun, diesen entscheidenden Prozess nicht zu stören, ungeachtet unserer Trauer, unseres Schmerzes, sowohl in Worten als auch in Gedanken – eine wahrhaft große Herausforderung an unseren persönlichen Schmerz! Bedenken wir aber: Wir haben in dieser Situation eine einzigartige Gelegenheit, diesem Menschen in einer Tragweite zu helfen, wie wir es vielleicht noch nie zuvor tun konnten. Halten wir daher alle störenden Einflüsse von ihm fern: Worte, Gedanken, Musik, Trauer, Weinen – soweit wir dazu in der Lage sind. Versuchen wir, die Seele frei und in Frieden ziehen zu lassen.

Diese Erkenntnis nötigt uns zu der Überlegung, ob die Organentnahme bei einem noch Sterbenden tatsächlich als ein Akt der Nächstenliebe verstanden werden kann oder ob sie vielmehr eine seelenlose medizinische Fehlentwicklung ist, die jeglichen Naturgesetzmäßigkeiten zuwider läuft? (siehe Artikel „Organspende – Pro und Kontra“)

Sterben verstehen heißt sich selbst verstehen

Das Einzige, was in unserem Leben gewiss ist, ist der Tod. Unausweichlich wird er eines Tages vor unserer Tür stehen oder vor der Tür eines uns vertrauten und geliebten Menschen. Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen bedeutet, sich dem Leben zu stellen. So wie wir den Tod verstehen, werden wir unser Leben leben. Der Tod führt uns so deutlich wie nichts anderes vor Augen, dass wir im Leben eines lernen müssen: Abschied nehmen.

Doch was können wir noch tun, um dem Sterbenden ein unbeschwertes Hinübergehen in einen anderen Bewusstseinszustand zu ermöglichen?

Es hilft,

  • jeden Lebensweg als individuell und einzigartig zu akzeptieren;
  • zu verstehen, dass alles in der Natur und damit auch wir Menschen zusammengesetzt ist. Dies gibt uns die Gewissheit, dass wir nicht lediglich der physische Körper sind, sondern dass unser innerster Kern, unser Bewusstseinszentrum, unsterblich ist;
  • die Wechselbeziehung zwischen Leben und Tod als eine Tatsache in der Natur zu würdigen;
  • die Zwillingslehren von Reinkarnation und Karma in unser Leben und Denken einzubeziehen. So bekommen wir ein besseres Verständnis für die Vorgänge, die sich beim Sterbenden ereignen.

„Eingebettet in das unendliche Sein sind Leben und Tod nur die zwei Facetten der sich ständig wiederholenden Lebensvorgänge.“

Hermann Knoblauch

Da der Körper unsere Seele beherbergt, ist auch die körperliche Pflege sehr wichtig. Sie verschafft Erleichterung und Linderung, soweit wir fachlich und persönlich beziehungsweise menschlich dazu in der Lage sind. Hilfeleistung ist eine Pflicht des Herzens. Wir können Einkäufe übernehmen, Handreichungen bieten, einen Brief schreiben, körperliche oder seelische Schmerzen lindern, Trost spenden, das Essen reichen, uns Zeit nehmen und einfach einmal zuhören. Schlicht und ergreifend: Stellen wir uns neben uns und lassen uns auf den Anderen ein. Genauso wichtig ist allerdings auch, in einem gewissen Grad auf sich selbst zu achten. Denn Hilfe wird nur so lange gut sein, wie der Helfende diese auch leisten kann. Nicht jeder ist körperlich in der Lage, einen Anderen rund um die Uhr komplett zu pflegen. Beachten Sie daher Ihre körperlichen und seelischen Grenzen und lassen Sie sich notfalls beraten, um Alternativen zu finden.

Wenn der Tod eingetreten ist

Wenn der Tod eingetreten ist, sollten wir, so gut es geht, für Stille sorgen, damit sich der Sterbende ungestört der Panorama-Schau hingeben kann. Kerzen oder Nachtlichter, am Kopfende und an den Füßen aufgestellt, vertreiben schlechte astrale Einflüsse, ebenso Weihrauch oder Räucherstäbchen sowie ein offenes Fenster.

Wenn wir die Bestattung planen, sollten wir sowohl an die Seele des Verstorbenen denken, die Ruhe und Stille für ihren Loslösungsprozess braucht, als auch an Angehörige und Freunde, die vielleicht bisher keine Gelegenheit hatten, sich zu verabschieden. Begegnen wir daher dem zurückgelassenen Körper mit Achtung und Würde. Er beherbergte den eigentlichen Menschen, die Seele. Eine ruhige und schlichte Abschiedszeremonie gibt den Zurückgebliebenen die Möglichkeit, in aller Stille Abschied zu nehmen.

Die Begleitung eines Sterbenden ist eine schwierige und auch physisch anstrengende, oft aber zugleich beglückende und äußerst dankbare Aufgabe. Indem wir uns auf eine intime Beziehung einlassen, lernen und üben wir Einfühlungsvermögen, Takt, Nachsicht, Pflichterfüllung und Bescheidenheit. Und wir haben die Gelegenheit, uns selbst besser kennenzulernen: uns mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, der essenziell zu unserem Leben gehört, und vor allem mit dem, was den physischen Tod überdauert.

Literaturempfehlung:

 

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