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Das Mysterium der jungfräulichen Geburt
Esoterische Philosophie ~ Weisheit der Zeitalter
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Die Geburt des Bodhisattva

Das Mysterium der jungfräulichen Geburt

Prof. Dr. Gottfried von Purucker

Das Weihnachtsfest und die Lehren, die diesem seit den frühen Tagen des Christentums zugrunde liegen, sind ihrem Ursprung nach durchaus nicht christlich. Sie wurden weder von frühen christlichen Theologen noch von ihren Anhängern erfunden, vielmehr beruhen sie auf heidnischen Ideen des damaligen Heiligtums, was keineswegs ungewöhnlich in der christlichen Geschichte ist. Es war zu jener Zeit etwas ganz Alltägliches, denn die ersten Christen übernahmen von den zeitgenössischen Philosophien und Religionen den größten Teil jener Ideen, die in späterer Zeit das wurden, was wir heute als christliche Theologie kennen.

Verborgene Lehren

Die ersten Christen wuchsen in einer Welt auf, in der es eine exoterische Religion – oder eine Reihe solcher Religionen –, sowie eine geheime Lehre gab. Diese geheim gehaltene Lehre wurde nur denen zugänglich, die sich als tauglich und würdig erwiesen hatten, die Lehren der Mysterienschulen, die verborgenen Lehren über das Göttliche, zu empfangen. Dies ist eine historische Tatsache. Die frühen christlichen Geschichtsschreiber verschleierten oder vergaßen jedoch die Lehren über das Göttliche, oder sie gingen ohne jeden Hinweis über sie hinweg, und doch ist dies die Atmosphäre, in der das Christentum geboren wurde. Wenn wir diesen Schlüssel in unserem Gemüt festhalten, können wir mit seiner Hilfe das erschließen, was selbst für christliche Theologen nicht nur schwierig zu verstehen, sondern auch schwierig zu erklären ist.

So ist zum Beispiel die jungfräuliche Geburt nicht erst im Christentum entstanden. Sie war seit undenklichen Zeiten über das gesamte Antlitz der Erde verbreitet. Viele Völker lehrten in früheren Zeiten, wenn auch auf unterschiedliche Weise, von Jungfrauen, die großen Weisen und Sehern Geburt gaben. Doch alle Geschichten – wie auch die von Jesus, dem Avatâra – enthielten die gleiche fundamentale Wahrheit über einen großen Menschen, der durch eine neue Geburt menschliche Göttlichkeit erlangte. Diese Idee war so allgemein und populär, dass sie in exoterischer Erzählung selbst auf Straßen und Märkten im Umlauf war.

Dvîja – ein Zweimalgeborener

Die Hindus sprechen von einem Dvîja, einem Zweimalgeborenen. Der Gedanke hierbei ist, dass zunächst die unbefleckte physische Geburt stattfindet. Er wird wie alle Söhne der Menschen von einer Mutter geboren, doch empfängt er nach einer intensiven Schulung die innere Geburt, die innere Erleuchtung, welche die zweite Geburt darstellt, eine neue Geburt in das Licht des Geistes. Wir sehen, wie großartig es ist, wenn das Licht der Weisheit vergangener Zeitalter darauf scheint. Diese Lehre ist durchaus nicht christlichen Ursprungs, sie ist vielmehr universal und appelliert in besonderer Weise an Herz und Gemüt. Wie eindrucksvoll scheint das Licht der Wahrheit auf das Antlitz des Menschen, dessen Herz von dem Gefühl des Einsseins mit allem erleuchtet ist. Wie mitleiderregend ist es dagegen, wenn das Gefühl des Sonderseins den Menschen von seinem Eins-Sein mit anderen Menschen forttreibt.

Die Geburt des Bodhisattva

Geburt des Bodhisattva, Gandhara, 2./3. Jh. n. Chr., Grauer Schiefer.

 

Was bedeutete nun diese Lehre aus den frühen Tagen des Christentums? Sie bedeutete das Gleiche, was sie in allen anderen großen sogenannten heidnischen Ländern bedeutete und stellte in Szenen dar, was im Heiligtum geschieht: Der Neophyt oder Jünger hat nach langer Schulung sein inneres Wesen, seine inneren Wahrnehmungen so weit entwickelt, dass er nahe daran ist, ein Christos, ein Christus zu werden oder, wie dies in dem wundervollen Mahâyâna-Buddhismus formuliert ist, ein Bodhisattva. Der nächste Schritt würde zur Buddhaschaft führen. Selbst in exoterischen Schriften wurde von dieser wunderbaren Wahrheit, die sich im Heiligtum ereignet, als von einer jungfräulichen Geburt, einer zweiten Geburt gesprochen.

Geboren von der Mutter, dem heiligen Geist

Alle Erlöser der Menschen, in welchem Land, in welchem Klima und zu welcher Zeit sie auch immer gelebt haben mögen, alle diese Großen, Weisen und Seher, die Buddhas und Bodhisattvas, die Größten von ihnen, sie alle wurden von der Mutter, dem Heiligen Geist im Innern, geboren. Wie wunderbar und wahr ist dies! Es klingt sofort in unserem Herzen nach und steht in vollkommener Übereinstimmung mit dem Wenigen, was moderne wissenschaftliche Forschung als sogenannte Psychologie zu publizieren beginnt. Wenn sich das Leben eines Menschen zum Besseren hinwendet und er sich durch eigene Anstrengungen und Bestrebungen erhoben hat, macht sich das erste schwache Dämmern im mystischen Osten bemerkbar, sozusagen der Beginn der Wehen der heiligen Geburt, durch die ein Mensch ein Übermensch wird. Im Laufe der Zeit wird er ein inkarnierter Gott, der Gott in ihm, und danach manifestiert er sich als das Christus-Kind. Der Mensch aus Fleisch wird empfänglich für die innere Flamme, das innere Licht, das innere Feuer. Welch eine Würde verleiht dieser Vorgang uns Menschen! Welche Hoffnung gibt sie jenen, die es wagen, vorwärts zu streben und zu schweigen!

Wie konnte Maria, die eine Jungfrau war, einem Kind Geburt geben? In einer frühchristlichen Schrift, wie auch in verschiedenen griechisch-christlichen Schriften findet sich eine bemerkenswerte Stelle, die, ins Deutsche übersetzt, folgenden Wortlaut hat: „Meine Mutter, der Heilige Geist“ – der Heilige Geist war bei den ersten Christen immer weiblich, er wurde erst später männlich –, „meine Mutter, der Heilige Geist, fasste mich bei meinem Haupthaar und brachte mich zum heiligen Berg Athos.“ Hier ist der Geist in mir gemeint, der Heilige Geist, meine Mutter, die mich gebar, erneut gebar, nicht mehr vom Fleisch, sondern vom Geist: zuerst geboren vom Wasser, dem Fleisch entsprechend; dann geboren vom Feuer, dem Geist entsprechend: die erste Geburt und die zweite Geburt. Dies ist die wirklich jungfräuliche Geburt, denn der Geist des Menschen, ein Strahl des Göttlichen, des Unaussprechlichen, ist ewig jungfräulich und doch ewig fruchtbar, ewig erzeugend. Der kosmische Christus wird vom kosmischen Geist geboren, der in alten Zeiten ebenfalls als weiblich betrachtet wurde. Gleicherweise ist auch der spirituelle Mensch weiblich und gibt in der Erhabenheit seiner Vollendung dem Bodhisattva, dem Christus-Kind, Geburt. Von da an ist der Mensch von der Glorie des Geistes erfüllt, der ihn durchpulst und seinen Ursprung in der göttlichen Quelle hat.

Die Sonne – Ebenbild des Göttlichen

In welchem Zusammenhang steht hiermit die Sonne? Seit undenklichen Zeiten wurde die Vater-Sonne mit Verehrung betrachtet – nicht notwendigerweise die physische Sonne, sondern die Göttlichkeit, die im Innern, über und hinter der Sonne wirkt. Unsere Sonne war ein Sinnbild für den kosmischen Geist, denn durch die Sonne fließen die Fluten vitalen Glanzes, des Lebens und des Lichtes zu uns. Licht für das Gemüt und Liebe für das Herz – ohne diese ist kein Mensch ein wahrer Mensch.

Selbst die Christen sangen Hymnen an die Sonne, von denen noch eine Aufzeichnung – abgesehen von anderen Hinweisen – in einer Mitteilung von Plinius, dem damaligen Statthalter von Bithynien und Pontus, vorhanden ist, die er an den Kaiser Trajan in Rom sandte. Er sagte, dass die Christen in seinem Zuständigkeitsbereich ein unschuldiges und harmloses Volk zu sein schienen, denn sie versammelten sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang und sängen Hymnen an jene Gottheit. In einer Sammlung alter christlicher Hymnen ist eine dieser Hymnen an die Sonne noch vorhanden. Sie könnte folgendermaßen ins Deutsche übersetzt werden:

„O du wahre Sonne, scheine für immer,
strahlend mit immerwährendem Licht.
Ebenbild des Heiligen Geistes,
erfülle uns ganz“
(Ebenbild des Heiligen Geistes, nicht nur eine Schöpfung des Heiligen Geistes, sondern sein Ebenbild.)

Kein Parse oder sogenannter Sonnenanbeter schuf jemals eine typischere Hymne an die Sonne als diese ersten Christen. Sie wussten, was sie meinten; sie verehrten nicht die physische Sonne, sondern das Göttliche im Licht der sichtbaren Sonne. Die Sonne ist das Sinnbild, das Ebenbild des kosmischen Christus, nicht eine Schöpfung Gottes, sondern das Ebenbild des Göttlichen. „O du wahre Sonne“ – bei den meisten Christen war es das Alltäglichste, ihren Erlöser Jesus, den Avatâra, mit der Sonne zu vergleichen.

Das Christus-Kind in uns

Wir können Weihnachten auf zweierlei Weise betrachten: zunächst als die Erinnerung an eine erhabene Tatsache, die sich hinter Historie und Leben verbirgt, eine erhabene Tatsache, die jeder Mensch eines Tages in seinem spirituellen Werdegang wiederholen wird, sofern er erfolgreich evolviert. Eine andere Erklärungsweise ist mir zur Zeit noch teurer, denn wenn im Kreislauf des Jahres die Weihnachtszeit naht und die christliche Welt die angenommene Geburt des physischen Körpers ihres Fürsten, ihres Hauptes, ihres sogenannten Erlösers feiert, können die angeblichen Worte des Avatâras, des Christus, dahingehend in einem höheren Sinne gedeutet werden, dass wir „Söhne Gottes“, des Göttlichen, sind und dass der Geist der Liebe und das Bewusstsein des Höchsten ihren Wohnsitz im Heiligtum des Herzens eines jeden Menschen haben. Das bedeutet, dass es in unser aller Herzen ein Christus-Kind gibt. In der Seele eines jeden von uns gibt es einen ungeborenen Christus, den Christos, den Friedensfürsten, den Friedensbringer, den Fürsten der Liebe. Gewisse Religionen nennen ihn Buddha, den himmlischen Buddha in unserem Herzen, aber die Idee ist die gleiche, auch wenn die Worte andere sind.

Die Zeit um Weihnachten, der Wintersonnenwende, ist eine gute Zeit, um das Christus-Kind in unserem Herzen sprechen zu lassen, zu versuchen, es zu verstehen – ja, mehr noch: mit ihm eins zu werden, sodass wir mit jeder neuen Weihnacht christus-ähnlicher, buddha-gleicher werden und spirituellere, edlere Abbilder des Christus werden, der im Herzen eines jeden von uns lebt. Eines Tages dann, während der entsprechenden spirituellen Zeit, kann das Christus-Kind als ein Christus-Mensch geboren werden. Die Sonne des Heils wird dann aufgegangen sein, Gesundheit und Wohlergehen in ihren Schwingen mit sich bringend. Sie wird unseren Kummer und unsere Sorgen heilen, unsere Not auslöschen, die Tränen der Schmerzen aus unseren Augen fortwischen, denn als Individuen werden wir dann mit dem Geist des Universums eins geworden sein, von dem und aus dem ein Strahl, ein heller Strahl, im Herzen eines jeden von uns lebt. Das ist es, was sich unter der wahren Geburt des Christus verbirgt.

Literaturtipps:

 

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