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Der Schutzengel – Mythos oder Realität?
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Der Schutzengel – Mythos oder Realität?

Diplom-Psychologe Gerald Norge

In vielen alten Mythologien und Märchen ist von Engeln und Schutzengeln die Rede, von spirituellen Wesen und Kräften, die uns beschützen. Auch heute sind allein 66 Prozent der Deutschen überzeugt, dass es Schutzengel gibt.[1] Besonders in Augenblicken der Not und Gefahr sowie wichtiger Entscheidungen sehnen wir uns nach einer beschützenden Hand, einer übergeordneten Macht, die hilft, warnt und die uns den Weg weist. Entstammen Vorstellungen dieser Art naivem Wunschdenken, sind sie Ausdruck eines überholten Aberglaubens oder beruhen sie auf Tatsachen?

Haben wir es nicht oft schon selbst erlebt und ganz spontan aus tiefster Überzeugung gesagt: Da hat mir mein Schutzengel geholfen!? Und tatsächlich, wir sagen in gefahrvollen Situationen nicht ein Schutzengel, nein, wir sagen ganz intuitiv mein Schutzengel hat mir geholfen. Kinder fühlen in der Regel, wenn auch unbewusst, die Gegenwart ihres Schutzengels als etwas ganz Natürliches. Sie erleben und erfahren ihn häufig direkt als die Gegenwart eines „unsichtbaren Gefährten“, über die wir Erwachsenen häufig lächeln. Für sie ist ihr Schutzengel in den ersten Lebensjahren ihr realer Spielkamerad, der immer in ihrer Nähe ist. So grenzt es vielfach geradezu an ein Wunder, wie Kinder wie von einer unsichtbaren Hand in Gefahr beschützt und unbeschadet aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet werden.

Und haben nicht auch wir, als Erwachsene, ähnliche Erfahrungen sammeln können, indem uns in bedrohlichen und entscheidenden Lebenssituationen ungeahnte Hilfe zuteilwurde? Vielleicht fühlten wir uns intuitiv gewarnt oder gedrängt, das eine oder andere zu tun oder zu unterlassen. Diese Entscheidungen erwiesen sich für uns im Nachhinein meist als goldrichtig, manchmal sogar als lebensrettend. Zum Beispiel mag es sein, dass Sie plötzlich vorsichtiger Auto fahren, weil Sie eine Gefahr spüren, und Sie aufgrund dessen gerade noch einem Zusammenstoß mit einem Reh entgehen. Oder Sie spüren, dass eine bestimmte Entscheidung für Sie genau richtig ist, was sich später bewahrheitet. Was ist also der Schutzengel und wie kann sein Einfluss erklärt werden?

Unsere spirituelle Natur

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist die, dass wir weitaus mehr sind als unser sichtbarer Körper. Wir können fühlen, haben relatives Selbstbewusstsein und vor allem: Wir können denken. Auch wenn diese Fähigkeiten seitens der Wissenschaft noch immer nicht erforscht sind und einer rein physischen Gehirntätigkeit zugeschrieben werden, sind sie dennoch ganz real wirkenden immateriellen Kräften anderer Daseinsbereiche zuzuschreiben. Schon allein hieraus geht hervor, dass unser Körper nur der sichtbare Teil von uns ist und dass er lediglich ein kleiner Teil unserer gesamten Konstitution ist. Dieses Wissen ist in allen großen Religionen und Philosophien zu finden. Am bekanntesten ist die Dreiteilung in Körper, Seele und Geist (siehe Diagramm).

 

Diagramm Schutzengel

 

Wir haben also eine Seele, die uns die Fähigkeit des Denkens vermittelt. Und wie alles in der Natur ist auch unsere Seele dual. Sie hat einen höheren, humanen, intuitiven, unpersönlichen Aspekt und einen persönlichen, ichbezogenen, mehr oder weniger tierischen, emotionalen, leidenschaftlichen Teil. Damit ist die menschliche Konstitution jedoch noch nicht erschöpft. Denn unsere Seele wird überstrahlt von unserem spirituellen Selbst, unserer spirituellen Seele. Und gerade in diesem spirituellen Teil hat unser „Schutzengel“, wenn wir ihn so nennen wollen, seinen Ursprung. Er ist gewissermaßen unsere spirituelle Natur, jener spirituelle Teil, der die Quelle all des Guten im Menschen ist und unser Gewissen sprechen lässt. Unsere spirituelle Seele ist zudem jener Teil des menschlichen Geistes, dessen spirituelle Einflüsse uns die Verbundenheit mit allen Wesenheiten, ob sichtbar oder unsichtbar, spüren lässt. Sie ist ein Sprachrohr zwischen uns sterblichen Menschen und dem unsterblichen Teil von uns – sie ist unser Schutzengel.

 

Lehrer – Schüler: Der nach Erkenntnis ringende Mensch stellt sich unter die Leitung und den Schutz seiner höheren Natur als seinem Lehrer.
Fernöstliche Darstellung

 

 

 

 

Prof. Dr. Gottfried von Purucker, USA, bedeutender Sanskritgelehrter und hervorragender Kenner östlicher und westlicher Religionen, schrieb in diesem Zusammenhang: „Die Lehre von den Schutzengeln lässt sich kurz folgendermaßen formulieren: In und über dem Menschen befindet sich etwas Geistiges oder eine Macht, die ihn lenkt und leitet. Sie erfüllt sein Herz und sein Gemüt mit Hoffnung und Trost, gibt Frieden und lehrt ihn Rechtschaffenheit. Wer aufnahmebereit ist, dies zu empfangen, wird den inneren Weisungen folgen und danach handeln. Er wird sich mehr oder weniger der Gemeinschaft mit dem Schutzengel bewusst sein und ihn als einen Helfer empfinden, der Tag und Nacht bei ihm ist, der niemals versagt, der ihn immer leitet und ihn lehrt, sich selbst zu erkennen und zu erlösen. Doch Herz und Gemüt müssen bereit sein, die Weisungen zu empfangen, denn wie sonst könnte die Führung und Inspiration sein Gehirn erreichen?“[2]

Es liegt daher an jedem Einzelnen, ob und wie weit er sich unter die Führung seines Schutzengels, seines spirituellen Selbstes, stellt. Wir haben die freie Wahl, können uns ihm öffnen oder verschließen. Wir öffnen uns seinem Einfluss, indem wir seiner Grundschwingung gemäß leben, d. h., indem wir unser Gewissen und Denken verfeinern, mitmenschlich handeln und auch einmal ein Ohr für das Leid anderer haben. Wer entsprechend lebt, begibt sich in die Atmosphäre seines Schutzengels. Er wird so für die spirituellen Einflüsse seines spirituellen Selbstes, seiner spirituellen Seele, empfänglich.

Wie können wir uns unserem Schutzengel nähern?

Wirklich begreifen können wir etwas nur dann, wenn wir es werden. Niemand kann allein durch rein theoretische, abstrakte Betrachtungen Liebe empfinden, sondern nur, indem er Liebe in sich fühlt und sie lebt. Genauso können wir einen anderen Menschen nur dann begreifen, wenn wir uns in ihn hineinversetzen, uns in ihn einfühlen, mit ihm seelisch in Gleichklang schwingen. Ähnlich verhält es sich mit dem Schutzengel. Nur wer sich zumindest ansatzweise zu ihm erhebt, weiß wirklich um seine Existenz, weil er sich selbst den Beweis durch eigenes Erleben erbracht hat. Und je mehr wir uns seelisch unserem Schutzengel nähern, je mehr wir uns zu ihm erheben, desto besser und umfangreicher kann er uns helfen und uns den Weg weisen.

So ist von dem großen griechischen Philosophen Sokrates bekannt, dass er sich vor wichtigen Entscheidungen zurückzog. Er schloss die Augen und versuchte, sein Gemüt von allem Unrat, allen unsteten Alltagsgedanken zu befreien, um dadurch die Verbindung zu seinem Schutzengel, seinem Daimon, wie er ihn auch nannte, herzustellen. Andere hoch evolvierte Menschen machten ähnliche Erfahrungen. Sie erkannten, dass sie nur durch das Verstummenlassen, das Überwinden der niederen Persönlichkeit Zugang zu ihrem Schutzengel und im erweiterten Sinn zu ihrem spirituellen Selbst bekamen. Sie sprachen in diesem Zusammenhang von ihrer „Vaterflamme“, ihrem „Vater im Himmel“, ihrem „Vater-Feuer“. Mit anderen Worten, sie erkannten und anerkannten ihre höhere spirituelle Natur als ihren Führer und unterstellten sich seiner Leitung.

Der schöne alte Mythos von Narziss, der in sein Spiegelbild verliebt war, vermittelt den gleichen Gedanken. Er versinnbildlicht das Sehen, Erkennen und Lieben des spirituellen Selbstes oder eines seiner Aspekte, was nur dann gelingt, wenn, um im Bild zu bleiben, die Wasseroberfläche geglättet wird, mit anderen Worten, wenn alle persönlichen, alltäglichen, nur auf das Äußere gerichteten Gedanken zum Schweigen gebracht werden.

 

John William Waterhouse: Narziss

Narziss entdeckt im Spiegelbild sein spirituelles Selbst.
John William Waterhouse (1849–1917), „Narziss“, 1903, Walker Art Gallery, Liverpool.

Der Schutzengel ist ein zentraler Teil von uns

Doch infolge der permanenten Beeinflussung durch Fernsehen, Werbung etc. verhalten sich viele Menschen genau entgegengesetzt. Sie sind in ihre Persönlichkeit, ihre niedere Natur verliebt, lassen sich von ihr führen und verführen, sodass eine rein persönliche, ich-bezogene Zielsetzung zum Lebensinhalt wird. Für sie ist ihre spirituelle Seele und damit auch ihr Schutzengel kaum erreichbar. Sie schaffen sich nicht die Basis für sein Wirken und können dementsprechend auch keine oder nur eine schwache Hilfe von ihm erfahren, nicht, weil es für sie keinen Schutzengel gibt, sondern weil sie die Verbindung zu ihm nicht herstellen, denn der Schutzengel ist in jedem von uns. Er ist keine Abstraktion, kein Wesen gänzlich außerhalb von uns selbst, sondern er ist ein realer, wesentlicher, zentraler Teil eines jeden Menschen.

Gottfried von Purucker schrieb hierzu: „Der Schutzengel ist nicht der menschliche Teil, sondern ein Teil seines spirituellen Wesens. So ist der Schutzengel, dieses spirituelle Selbst, verglichen mit dem Menschen aus Fleisch und Blut, wie ein Gott. Im Vergleich mit dem Intellekt des Menschen ist der Schutzengel allwissend; entgegen menschlicher Erkenntnis hat er Einsicht in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Der Schutzengel strebt immer danach und bemüht sich unaufhörlich, sein eigenwilliges irrendes Kind, den irdischen Menschen, zu lenken und zu leiten. Wenn wir unser Gemüt für diesen inneren Mahner durchlässig machen und seinen Weisungen folgen, wird unser Leben sicherer, glücklicher und erfolgreicher sein. Der einzige Unterschied zwischen dem Menschen einerseits und dem Christus- oder Buddha-Menschen andererseits ist folgender: Es ist uns noch nicht gelungen, mit dem inneren Schutzengel vollkommen eins zu werden, wie es die Christus- und Buddha-Menschen geworden sind. Diese haben ihr gesamtes Wesen, ihr Herz, so durchlässig für den Eintritt des inneren Schutzengels gemacht, dass er sich tatsächlich in ihnen verkörpern kann, sodass der niedere Mensch kaum noch vorhanden ist. Es ist dann der Schutzengel, der mit physischen Lippen spricht. Lassen wir diesen Schutzengel in uns lebendig werden und durch uns sprechen. Er bringt Frieden und Trost, Glück, Weisheit und Liebe, denn diese sind seine Wesensart.“[3] (AC)

 

 

1 Umfrage: An Schutzengel glauben mehr Deutsche als an Gott, Welt Online vom 20. Dezember 2005, http://www.welt.de/print-welt/article185325/Umfrage-An-Schutzengel-glauben-mehr-Deutsche-als-an-Gott.html

2 Gottfried von Purucker: Der Schutzengel (Auszüge). In: Spirituelles Erwachen. Hannover, 2013.

3 ebenda

 

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